WKreativ, Entdecken Sie Kurzgeschichten und Musik von Wolfgang Kraus Das erste Mal

Das erste Mal

(aus meinem Buch Lebenslied)

Anna erschrak. Zwar war es nicht das erste Mal, dass er ihr diese Frage gestellt, dass er sie darum gebeten hatte, nein, schon ein paar Mal hatte sie sich erfolgreich davor gedrückt mit Antworten wie „Ich glaube, ich bin noch nicht so weit“ oder „Ich brauche noch etwas Zeit“. Die hatte sie auch bekommen, verständnisvoll und geduldig war seine Reaktion gewesen und so hatte sie nicht erwartet, dass er so bald schon wieder fragen würde, aber eben hatte er es getan. Was sollte sie tun? Sie hatte das Gefühl, dass ihr Gesicht knallrot leuchtete und das war ihr mehr als unangenehm, wollte sie sich ihm doch keineswegs unsicher zeigen. Durch ihren Kopf spukten die verschiedensten Gedanken und machten Anna regelrecht schwindlig.

Gut, sie kannte ihn nun schon eine Weile und sie hatten schon so manche Stunde miteinander verbracht. In seiner Gegenwart fühlte sie sich wohl, sicher und geborgen, und sie konnte sich niemand anderen vorstellen, mit dem sie dieses „erste Mal“ geschehen lassen wollte. Aber schon jetzt?

Ja, im Grunde ihres Herzens wollte sie es ja auch, wusste, dass es irgendwann geschehen musste. Sie sehnte sich nach dieser Erfahrung, die für die meisten ihrer Freundinnen bereits Realität geworden war und mit der sie alle seither prahlten. Anna war die jüngste in dieser Runde und immer wieder war sie als „Küken“ bezeichnet und damit aufgezogen worden und so konnte sie es eigentlich kaum erwarten, bis auch sie zu diesem Kreis der Erfahrenen gehören durfte. Sollte es nun aber wirklich so weit sein, jetzt und hier?

Auch mit ihrer Mutter hatte Anna darüber gesprochen und auch sie hatte ihr versichert, dass das für eine junge Frau – aber  auch für junge Männer! – eine vielleicht nicht ganz einfache, aber sehr, sehr wichtige Erfahrung wäre. Allerdings, hatte Mutter betont, dürfe sich Anna nicht drängen lassen, nicht von einem Mann und auch nicht von ihren Freundinnen. Vielmehr müsse sie in sich hinein hören, ganz tief und ehrlich, dann würde sie sicherlich fühlen können, wenn sie bereit dafür wäre.

All das ging ihr wieder durch den Kopf in diesem Moment, in dem sich diese Frage, diese Aufforderung des sympathischen und attraktiven jungen Mannes neben ihr wie eine Schlinge um ihren Hals zu legen schien, ebenso wie all die Vorstellungen in ihr wieder hochkamen, in denen sie sich alles oft und oft schon ausgemalt hatte: Behutsame Bewegungen, vor und zurück, und am Ende ein unbeschreibliches Gefühl größten Glücks.

Fast war sie versucht, ja zu sagen, als die Sorge in ihr aufstieg, sie könne vielleicht seine Erwartungen nicht ganz erfüllen. Gewiss durfte sie nicht nur an sich denken und ebenso gewiss würde er sie mitfühlend führen, schließlich wusste sie ja, dass er recht erfahren war und sein erstes Mal schon lange zurück lag.

Immer noch schwebte seine Frage unbeantwortet zwischen ihnen, immer noch ruhte sein Blick auf ihr, liebevoll aber auch ein wenig provokant, und Anna meinte darin lesen zu können, dass er sie nicht drängen und wohl jede Antwort respektieren würde, aber heute, nach all der gemeinsamen Zeit, endlich ein „Ja“ erwartete. Jedenfalls aber musste sie endlich irgendetwas sagen, aber was?

„Ich bin nicht sicher, ob ich schon bereit bin“, hauchte sie schließlich.

„Ich schon“, gab er zurück ohne die kleinste Änderung im Ausdruck seines Gesichtes.

„Ich bin aber nervös!“. Anna schluckte. „Du hast das ja schon sehr oft gemacht, für mich aber ist es das erste Mal!“

„Ich weiß.“

„Was“, seufzte Anna, „Was, wenn ich nicht gut genug für dich bin?“

„Mach’ dir keine Sorgen“, antwortete er ruhig, „lass’ dich einfach darauf ein!“

Seine Ruhe machte ihr Mut.

„Ja, sagte sie schließlich, „ich bin bereit!“

Anna blickte noch einmal in seine Augen, in diese verständnisvollen, aber auch ein wenig provozierenden Augen ihres Fahrlehrers am Beifahrersitz: Ja, sie würde ihm beweisen, dass sie das konnte! Dann drehte sie den Kopf weiter, blickte über ihre Schulter und parkte zum ersten Mal rückwärts ein.

Aktuelle Termine

Sa., 4. Nov. 2017 ab 19:00 
Gemeinsam mit Norbert Schröckenfuchs zu "Eine Frage des Glaubens" in Pulkau

So., 10. Dez. 2017 ab 15:15
Stiller Advent am Brandlhof

Fr., 15. Dez. 2017 ab 18:00
Lesung mit ARTSchmidatal im Schloss Großrußbach.

 

(Details unter "Aktuell")

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